Tue es mit Leidenschaft – oder lass es bleiben
- 200prozent
- 19. Mai
- 6 Min. Lesezeit
Über die Hälfte der Schweizer Beschäftigten ist mit dem eigenen Berufsleben nicht mehr zufrieden. Und trotzdem ändert kaum jemand etwas. Lieber ausharren, lieber funktionieren, lieber weiter Dienst nach Vorschrift. Doch jeder Tag ohne Freude an der Arbeit ist ein verlorener Tag im Leben. Und die Komfortzone, in die sich so viele zurückziehen, ist längst keine sichere Zone mehr.
Die Zahlen sind ernüchternd. Gemäss dem aktuellen Gallup-Report sind in der Schweiz nur noch rund 45 Prozent der Beschäftigten zufrieden mit ihrer Arbeit und blicken zuversichtlich nach vorne. Vor der Pandemie waren es fast 70 Prozent. Nicht einmal jeder Zehnte fühlt sich emotional an seinen Arbeitgeber gebunden. Über 80 Prozent leisten Dienst nach Vorschrift. Jeder Zehnte hat innerlich bereits gekündigt.
Und das eigentlich Erstaunliche: Die meisten dieser Menschen bleiben trotzdem. Sie wechseln nicht den Job. Sie führen kein klärendes Gespräch mit den Vorgesetzten. Sie sprechen nicht einmal zuhause offen darüber. Sie tun – nichts.
In meinen Coachings begegne ich diesen Menschen jeden Tag. Sie sitzen mir gegenüber und erzählen von Sonntagabenden mit Bauchweh, von montäglicher Erschöpfung schon vor dem Mittag, von Jahren, die wie im Nebel vergehen. Sie sind beruflich erfolgreich, finanziell unabhängig, fachlich anerkannt – und innerlich leer. Am Ende kommt fast immer derselbe Satz: «Eigentlich weiss ich, dass etwas nicht stimmt.»
Eigentlich. Dieses kleine Wort ist verräterisch. Es bedeutet: Ich spüre es längst, aber ich weiche aus.

Die trügerische Sicherheit der Komfortzone
Komfortzone klingt nach Wärme und Geborgenheit. In Wahrheit ist sie oft das Gegenteil: ein gut eingerichteter Käfig. Man kennt die Abläufe, die Kolleginnen, das Pendelnis, das Mittagsmenü. Es tut nicht weh – aber es lebt auch nicht. Genau das ist das Risiko, das viele übersehen: Wer bleibt, weil es bequem ist, zahlt einen Preis in der Währung Lebenszeit.
Dazu kommt eine zweite, härtere Wahrheit: Die Komfortzone ist gar nicht so sicher, wie sie scheint. Restrukturierungen, Fusionen, Künstliche Intelligenz, neue Geschäftsmodelle – die Arbeitswelt verändert sich rasant. Wer Jahre damit verbringt, zu funktionieren statt zu wachsen, steht im Ernstfall mit leeren Händen da. Nicht weil er nichts kann, sondern weil er sich selbst aus den Augen verloren hat.
Ich denke an Markus, 47, langjähriger Abteilungsleiter in einem grossen Industrieunternehmen. Sicherer Job, gutes Gehalt, eingespieltes Team. Als die Firma vor zwei Jahren restrukturiert wurde, war seine Stelle plötzlich weg. Im Coaching sagte er: «Ich dachte immer, ich sei auf der sicheren Seite. Jetzt merke ich, dass ich fünfzehn Jahre lang einfach nur funktioniert habe. Ich weiss gar nicht mehr, was ich eigentlich gut kann – und vor allem nicht, was ich eigentlich will.»
Das ist der Preis der Komfortzone. Man verliert nicht nur die Zeit. Man verliert das Gespür für sich selbst.

Jeder Tag ohne Leidenschaft ist ein verlorener Tag
Rechnen wir kurz: Wer 40 Stunden pro Woche arbeitet, verbringt rund einen Drittel seines wachen Lebens am Arbeitsplatz. Bei 40 Berufsjahren sind das über 80’000 Stunden. Stell dir die Frage: Willst du wirklich 80’000 Stunden mit dem Gefühl verbringen, dass dir etwas Wichtiges entgeht? Dass du weder gefordert noch gesehen wirst? Dass du am Freitagabend nur noch erleichtert bist, weil zwei Tage Pause kommen?
Das ist kein Luxusproblem. Es ist eine Frage der Lebensqualität. Und sie betrifft nicht nur dich – sondern auch die Menschen um dich herum. Wer abends ausgelaugt nach Hause kommt, hat keine Energie mehr für Partner, Kinder, Freunde, sich selbst. Unzufriedenheit im Beruf ist ein stiller Mitbewohner, der überall mit einzieht. In die Beziehung. An den Esstisch. Ins Schlafzimmer. In den Sonntagabend.
Sandra, 41, Marketingverantwortliche in einem Dienstleistungsunternehmen, brachte es im Erstgespräch so auf den Punkt: «Ich funktioniere zwölf Stunden im Büro und falle abends erschöpft aufs Sofa. Mein Mann hat mich neulich gefragt, wann ich das letzte Mal von Herzen gelacht habe. Ich konnte es ihm nicht sagen.» Sie hatte sich selbst zur Statistin im eigenen Leben gemacht – ohne es zu merken.
Die häufigsten Ausreden – und was wirklich dahintersteckt
In Coachings höre ich immer wieder dieselben Sätze. Sie klingen vernünftig. Aber sie sind oft das Gegenteil von Vernunft. Sie sind Vermeidung mit gutem Anstrich.
«Ich kann mir das nicht leisten.» Häufig stimmt das nicht. Häufig wäre die Frage ehrlicher: Was kostet es mich, wenn ich bleibe? In zwei Jahren. In fünf. In zehn.
«Ich bin zu alt für einen Wechsel.» Mit 40, 50 oder 55. Die Statistik widerlegt das jeden Tag. Was wirklich dahintersteckt: die Angst, in einer neuen Rolle nicht mehr automatisch der Profi zu sein.
«Mein Job ist eigentlich okay.» «Eigentlich». Wieder dieses Wort. Wer wirklich okay ist, sagt das nicht so.
«Ich muss erst noch das Projekt zu Ende bringen, die Kinder ausbilden, das Haus abzahlen.» Es gibt immer einen Grund zu warten. Bis es eines Tages keinen Grund mehr gibt – weil das Leben den Plan übernommen hat.
Diese Sätze sind keine Argumente. Sie sind Anästhetika. Sie betäuben den Schmerz der Erkenntnis, dass etwas nicht stimmt. Und sie funktionieren erstaunlich gut – bis sie es nicht mehr tun. Meist kommt dieser Moment plötzlich: eine Diagnose, eine Trennung, eine Kündigung von oben. Dann ist die Komfortzone weg, und mit ihr die Zeit, in Ruhe zu wählen.

Was Leidenschaft wirklich bedeutet
«Tue es mit Leidenschaft oder lass es bleiben» – das heisst nicht, dass jeder Job ein ständiges Glücksgefühl produzieren muss. Auch der erfüllendste Beruf hat zähe Tage, mühsame Aufgaben, unangenehme Gespräche. Leidenschaft bedeutet nicht Dauereuphorie.
Leidenschaft bedeutet, dass im Kern eine Übereinstimmung besteht. Zwischen dem, was du tust, und dem, was dir wichtig ist – egal ob du im Büro, im Café oder auf dem Bau arbeitest. Zwischen deinen Stärken und dem, was gefragt ist. Zwischen deinem Leben und deinem Lebensunterhalt.
Diese Übereinstimmung lässt sich überprüfen. Mit ehrlichen Fragen: Wofür stehe ich morgens auf? Wann fühle ich mich lebendig? Welche Tätigkeit lässt mich die Zeit vergessen? Wo habe ich das Gefühl, etwas beizutragen, das mir entspricht? Welcher Mensch will ich am Arbeitsplatz sein – und welcher bin ich tatsächlich?
Wer diese Fragen ehrlich beantwortet, weiss meist sehr genau, wo er steht. Und ob er bleiben oder gehen sollte. Das Problem ist selten die fehlende Antwort. Das Problem ist der Mut, sie auszusprechen.
Drei Anzeichen, die du nicht überhören solltest
Manchmal sendet der Körper deutlichere Signale als der Kopf. Wenn du eines oder mehrere dieser Anzeichen kennst, lohnt es sich, genauer hinzuschauen:
Erstens: Der Sonntagabend. Wer regelmässig mit einem Klumpen im Bauch ins Bett geht, weil am Montag wieder die Arbeit ruft, bekommt eine Botschaft. Nicht vom Job. Vom eigenen System.
Zweitens: Die Sprache, in der du über deine Arbeit redest. Wer im Familienkreis ständig über Kollegen, Chefs, Strukturen schimpft – aber nie über Inhalte spricht, die ihn begeistern – hat den Bezug zur eigentlichen Tätigkeit verloren.
Drittens: Das innere Achselzucken. Wenn dir Erfolge im Job nichts mehr bedeuten und Misserfolge dich auch nicht mehr richtig treffen, ist die emotionale Verbindung weg. Du bist da – aber nicht mehr drin.
Diese Signale sind keine Schwäche. Sie sind Information. Und Information ist das wertvollste, was wir haben, wenn wir etwas verändern wollen.
Der erste Schritt ist klein – und entscheidend
Veränderung muss nicht Kündigung heissen. Sie kann auch bedeuten: ein Gespräch mit der Führung führen. Eine Weiterbildung beginnen. Sich extern coachen lassen. Einen Quereinstieg prüfen. Eine Teilzeitvariante verhandeln. Den Schritt in die nebenberufliche Selbstständigkeit wagen. Oder zunächst nur ein ehrliches Standortgespräch mit sich selbst halten.
Wichtig ist nur eines: überhaupt einen Schritt zu machen. Denn wer aus der Stärke handelt, gestaltet. Wer wartet, bis es nicht mehr geht, wird gestaltet.
Markus, den ich vorhin erwähnt habe, hat sich nach seiner Kündigung ein halbes Jahr Zeit genommen. Erstes Coaching, klare Standortbestimmung, dann eine bewusste Neuausrichtung. Heute ist er nicht zurück in einer ähnlichen Position. Er ist freiberuflicher Berater in seinem Fachgebiet, arbeitet mit drei festen Kunden – und sagt, er hätte das nie freiwillig gemacht. «Die Restrukturierung war eigentlich mein Glück. Ich wünschte nur, ich hätte selbst entschieden statt entschieden zu werden.»
Genau das ist der Punkt. Beides ist mutig: bleiben mit voller Energie, oder gehen mit klarem Kompass. Nur das Dazwischen ist gefährlich. Das Dazwischen kostet Lebenszeit, ohne etwas zurückzugeben.
Mein Appell
Sei ehrlich mit dir. Wenn du in deinem Beruf seit Monaten nur noch Dienst nach Vorschrift leistest, dann ist das ein Signal. Kein Drama, aber auch kein Detail. Dein Berufsleben ist zu lang, um es im Halbschlaf zu verbringen. Und es ist zu kurz, um auf den richtigen Moment zu warten – den es nie geben wird.
Tue es mit Leidenschaft – oder lass es bleiben. Beides ist mutig. Nur das Dazwischen ist gefährlich.
Du erkennst dich in diesen Zeilen wieder? Dann lass uns reden.
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